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Protagonist

Das Eigenleben der Protagonisten

Vorwort: Der Leserlichkeit dieses Textes zu liebe wird hier von "dem Protagonisten" gesprochen. "Er" steht stellvertretend für all deine Charaktere, ob nun männlich, weiblich, divers oder anders  wie geartet. 

Stell dir vor, du setzt dich an deinen Schreibtisch oder liegst auf deinem Sofa, nimmst dein Laptop in die Hand und fängst an eine Geschichte, die dir schon lange als Idee im Kopf herumschwirrt, zu Papier zu bringen. 

(Ich beleuchte an dieser Stelle nicht, ob du zu den strukturierten Schreibern oder zu den impulsiven Schreibern gehörst.)

Sagen wir, es läuft gut bei dir.

Die erste Seite füllt sich, dann die zweite und ehe du dich versiehst hast du die ersten zwanzig Seiten voll geschrieben. Du bist voller Motivation und kannst es kaum erwarten all deine Gedanken zu Papier zu bringen. Mit einem Mal merkst du, dass irgendetwas nicht mehr rund läuft. Das Schreiben fällt dir zunehmend schwerer und die Euphorie für die bisher geleistete Arbeit nimmt rapide ab.

Was ist passiert?

Vielleicht bist du sehenden Auges mit deinem Protagonisten an der Hand, in eine Sackgasse gelaufen. Das ist nicht der Weg den er einschlagen wollte. Im Gegenteil. Die Verzögerung verärgert ihn und dir gibt er die Schuld daran. Er setzt sich schmollend in die Ecke und verschränkt die Arme vor der Brust. 

"Hab ich doch gleich gesagt", mault er dann. "Viel Spaß bei der Suche nach der falschen Abzweigung. Ich warte hier bis du aus deinem Chaos aus Selbstzweifeln und Versagensängsten wieder auftauchst. Wenn du den Weg zurück finden solltest, dann bring mir Pizza mit!"

 

 

 

Ein Weg aus der Sackgasse

 

Seinen Protagonisten nicht gut genug zu kennen ist vielleicht ein Anfängerfehler. Vielleicht aber auch nicht. Mein Beitrag auf Instagram hat auf jeden Fall gezeigt, dass nicht nur ich mich mit aufmüpfigen Figuren herumschlage. 

Irgendwie kann ich es Ihnen auch nicht verdenken. Zwar lieben wir Sie, aber wir lassen auch keine Möglichkeit aus, ihnen ein Bein zu stellen. 

Wir fordern Sie

Wir quälen Sie

Wir töten Sie (unter Umständen)

All das tun wir, damit sich die Geschichte entwickelt. Doch wenn du deinen Charakter nicht gut genug kennst, dann weißt du nicht, wie er auf die ein oder andere Sache reagieren wird. Nehmen wir mal an, dein Protagonist ist ein schüchternes Ding, du verlangst aber von ihm, dass er sich mutig vorwagt um seine große Liebe zu erobern. Dann braucht er schon einen sehr guten Grund das zu tun. Wenn du ihm diesen Grund nicht gibst, dann wird deine Figur unglaubwürdig. 

 

Deswegen rate ich jedem, der sich an das Projekt Roman schreiben herantraut, die Zeit zu nehmen um seinen Protagonisten kennen zu lernen. Wenn es dich zu sehr in den Fingern juckt, dann schreibe eine Kurzgeschichte aus seinem Leben, die nichts mit deinem Buch zu tun hat. Wirf ihn in eine beliebige Situation und frag dich, wie er damit umgehen würde. Zwar landen diese Zeilen nicht in deinem Buch aber sie helfen dir ihn kennen zu lernen. Außerdem sind sie eine gute Schreibübung. Am Ende gilt, Je mehr Vorarbeit du leistest, desto besser wirst du später vorankommen. Wenn du einen Autorenblog hast, dann kannst du diese Textpassagen auch auf deinem Blog veröffentlichen, womit sie am Ende doch noch Leser finden werden. 

 

Beispiel gefällig?

 

Ich weiß gar nicht mehr, aus welchem Grundgedanken heraus mir die Idee für Colorado Nights Sweet Disaster gekommen ist. Am Anfang war es der Wunsch nach genau dieser Geschichte. Inzwischen bietet mir die Welt die ich geschaffen habe, die Möglichkeit weitere Geschichten in Colorado Springs spielen zu lassen. Ich habe eine Clique erschaffen die aus Hanna, Olivia und Nadja besteht. Jede diese drei Frauen ist völlig unterschiedlich. Jede von Ihnen hat ihren eigenen, unabhängigen Background. 

 

Hanna, meine Protagonistin aus Sweet Disaster, hat rotes lockiges Haar und Sommersprossen die sie versucht so gut es geht vor der Sonne zu schützen. Sie hat zwei Schwestern und ihre Familie lebt in Tucson, einer Stadt in der Sonora-Wüste Arizonas. Sie wollte schon immer Lehrerin werden und hat dieses Ziel auch akribisch verfolgt. Hanna ist zielstrebig. Sie hat ein offenes Wesen und schließt schnell Freundschaften. 

Hanna scheut nicht davor zurück Verantwortung zu übernehmen. Nach ihrem erfolgreichen Studium hat sie einige zusätzliche Kurse in Frühkindlicher Erziehung angehängt. Auf dem Collage hat sie Benjamin kennen und lieben gelernt. Ein Mann, der sich schwer damit tut Freundschaften zu schließen und als Eigenbrötler auf dem Campus bekannt war. Nach dem Collage hat Benjamin Hanna einen Heiratsantrag gemacht. Er war attraktiv, trug sie auf Händen und unterstützte sie während ihrer gemeinsamen Collagezeit. Für Hanna war klar, das würde sich niemals ändern...

 

Olivia, meine Protagonistin aus Fighting Heath (der aktuelle Band an dem ich gerade arbeite) ist in Phoenix aufgewachsen. Olivia ist ein hübsches Ding. Sie ist klein und wird aufgrund ihrer Größe oft jünger geschätzt als sie eigentlich ist. Olivia hat ihre geringe Körpergröße nie als belastend oder nachteilig empfunden. Im Gegenteil. Sie stammt aus einem gewalttätigen Elternhaus. Die Mutter mit sechs Kindern immer am Limit ihrer Belastbarkeit. Der Vater ein ungelernter und schlecht bezahlter Arbeiter, der jeden Tag das Gefühl hat in seinem Leben versagt zu haben. Ihre fünf Geschwister sind alle älter als sie selbst. Niemand achtet auf den anderen und schon gar nicht auf das jüngste Kind. Olivia lernt früh, das es sicherer ist, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Mit neun wird sie von der staatlichen Fürsorge aus der Familie genommen und muss zwei Jahre in einem Kinderheim überleben. Erst danach, lernt sie ein liebevolles Zuhause kennen. Verständlicherweise braucht sie einige Jahre, ehe sie sich ihren Pflegeeltern öffnet. Sie schafft es ihre Dämonen zu besiegen und in ihrer Pflegemutter eine Freundin zu sehen. Fortan ändert sich ihr Leben zum Guten...

 

Nadja. Inderin. Mein heimlicher Liebling. 

(Ich habe mich final noch nicht entschieden, ob Nadja einen eigenen Band bekommen soll oder ob ich ihre Geschichte in den beiden anderen Bänden erzähle.)

Nadja kommt in Indien zur Welt. Ihre Familie gehört der höchsten Kaste den Brahmanen an. Mit dieser Zugehörigkeit sind gewissen Erwartungen verknüpft. Nadja hat eine ältere Schwester. Damit ist Nadja das zweite Kind. Wieder nur ein Mädchen. Ihre Mutter steht mit Nadjas Geburt gewaltig unter Druck. Ihre ältere Schwester wurde großzügig als Ausrutscher akzeptiert, doch durch die erneute Geburt einer Tochter trägt Nadjas Mutter nun einen Makel.

Nadjas Familie ist gebildet und wohlhabend. Aber sie sind auch gefangen im alten Glauben. Trotz allem, entscheidet sich die Familie dafür beide Mädchen am Leben zu lassen, was zur damaligen Zeit noch höchst ungewöhnlich ist.

Als Nadja vier Jahre alt ist, (ihre Schwester ist sieben), wird ihre Mutter das dritte Mal schwanger. Sie verliert jedoch ihr Kind im fünften Monat. Es wäre ein Junge geworden.

Nadja und ihrer Schwester wird unterstellt am Tod des ungeborenen Kindes schuld zu sein. Ihnen wird der böse Blick unterstellt. Kurzerhand entschließt die Familie sie zu ihrer Tante (mütterlicher Seits) in die USA zu schicken. Man will kein Risiko eingehen. Als die Frau wenig später erneut empfängt gilt die Vermutung als bestätigt und Nadja und Pria dürfen nicht mehr zu ihrer leiblichen Familie zurück. 

Das Leben in Amerika ist völlig anders als das Leben, dass sie in Indien kennen. Während Pria sich davon einschüchtern lässt und sich auf die indischen Traditionen besinnt, die ihr vertraut sind, blüht Nadja in Amerika auf. Sie kämpft gegen die indischen Traditionen an und emanzipiert sich. In der Pubertät erkennt Nadja das sie sich von Mädchen angezogen fühlt. Ihr wird klar, dass sie ihren eigenen Weg gehen, ihre eigene Identität finden muss, wenn sie jemals im Leben glücklich werden will...

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