Samuel sank tiefer in den Rücksitz des auf Hochglanz polierten Mercedes seines Vaters. Der Geruch des Neuwagens mischte sich mit dem des Leders. Glatt und kühl schloss es sich um die zarte Kindergestalt. Samuel wäre lieber mit dem Bus zur Schule gefahren, doch heute war er froh um den Wagen und dessen Fahrer, denn er hätte keine Ahnung gehabt, wie er mit dem Bus an diesen Ort gekommen wäre. Dicht drängten sich die Wohnwagen aneinander und standen Spalier für die Luxuskarosse und seinen jungen Herrn.

Samuel fing den wachsamen Blicken des Fahrers durch den Rückspiegel ein. Aufmerksam sah sich Dexter nach allen Seiten um, während der Benz langsam über die unbefestigte Straße rollte. Der Kies knirschte unter den breiten Reifen.

Dexter schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und zwinkerte verschwörerisch, ehe er sich wieder seiner Umgebung widmete. Tapfer erwiderte Samuel das Lächeln, doch so recht wollte es ihm nicht gelingen. Zu groß waren seine Sorgen. 

Jordan fehlte sonst nie unentschuldigt in der Schule. Obwohl er kein Streber war, wie man es Samuel nachsagte, wusste dieser, dass Jordan  gern zur Schule ging. Wenn er also nicht kam, musste etwas vorgefallen sein.

Der Wohnwagen mit der Hausnummer zweihundertfünfundvierzig kam in ihr Blickfeld. Dexter parkte neben einem alten, rostigen Chevrolet, dann wandte er sich zu Samuel um. 

»Soll ich mit rein kommen?«

Samuel schüttelte entschieden den Kopf und schnallte sich ab. Als er ausstieg, verschwand er für einen kurzen Moment aus Dexters Sichtfeld, ehe er im Seitenspiegel wieder auftauchte.

Er ordnete seine Schuluniform und die lächerliche Krawatte, dann setzte er sich entschlossen in Bewegung.

Dexter schwoll bei seinem Anblick das Herz an. Der kleine Hasenfuß mochte zwar mit einem Stock im Arsch geboren sein, aber er hatte das Herz am rechten Fleck. Wachsam behielt er die Umgebung im Blick, die Hand zur Sicherheit auf dem Knauf seiner Waffe liegend. 

 

Samuel stieg langsam und mit wild pochendem Herzen die drei Stufen zum Trailer hinauf, entschlossen, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Doch noch ehe er an der Tür klopfen konnte, von der bereits die Farbe absplitterte, bemerkte er, dass sie offen stand. Vorsichtig schob er sie auf und spähte hinein. 

»Hallo?«, rief er mit brüchiger Stimme. Niemand meldete sich. Er schob die knarrende Tür weiter auf. Augenblicklich drängte ein süßlich, metallischer Geruch aus dem dunklen Raum und sog alle Luft aus Samuels Lungen. Eilig bedeckte er Mund und Nase mit dem Ärmel seiner Schuluniform.

»Jordan, bist du hier?«, rief er. Blieb aber vorsichtshalber, wo er war. Die unangenehme und stickige Luft lag zäh wie ein Ölteppich da und ließ ihn würgen. Samuel taumelte zurück. So etwas hatte er noch nie gerochen. »Jordan?«, rief er ein weiteres Mal. Dann endlich, vernahm er ein leises Wimmern.

Das klägliche Geräusch erinnerte ihn an ein verwundetes Tier, dennoch ließ er sich nicht davon abschrecken. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch seinem Freund zu helfen und der Angst vor dem was ihn erwartete, trat er von einem Fuß auf den Anderen. Was war, wenn Jordan verletzt war?

Jordan war sein Freund. Er hatte Samuel schon unzählige Male zur Seite gestanden und wann immer Samuel traurig war, war Jordan zur Stelle um ihn aufzumuntern. Samuel nahm all seinen Mut zusammen und durchquerte das schäbige Wohnzimmer. Es dauerte einen Augenblick, bis sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, dann steuerte er den Küchenbereich an, der sich nur durch einen Tresen vom Wohnzimmer abgrenzte. Langsam spähte er um ihn herum. 

»Jordan«, flüsterte er und eine Mischung aus Erleichterung und Angst schnürte ihm die Kehle zu. Sein Freund saß mit dem Rücken gegen einen Küchenschrank gelehnt auf dem Vinylboden. Er barg den Kopf einer Frau in seinem Schoss. Vermutlich den seiner Mutter, dachte Samuel und wunderte sich darüber, dass er mit ihr auf dem Boden hockte. Erst da bemerkte er die dunkle, schimmernde Flüssigkeit in der Jordan kauerte. Ängstlich klammerte Samuel sich am Küchentresen fest und betrachte die Frau genauer, deren Gesicht einer unkenntlichen Fratze glich. Überall war Blut. Es war ein Meer, das Fliegen anlockte und Gestank verbreitete. Mitten darin saß Jordan. 

»Lebst du noch?«, flüsterte Samuel. Es war das Erste, was ihm einfiel und er kam nicht auf die Idee, seine Frage könnte unsinnig sein. Zu seiner Erleichterung schluchzte Jordan auf, dann hob er den Kopf. Samuel schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, froh dass sein Freund auf ihn reagierte.

»Ich hole Hilfe«, versprach er und wollte schon zu Dexter laufen, doch Jordan hielt ihn zurück.

»Lass mich mit ihr allein«, bat er. Jordans Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Samuel schluckte und sah zur offenen Wohnungstür. Aber dann nickte er und ließ sich, dort wo er war, auf den Boden sinken. 

»Bist du verletzt?«, fragte er ihn. Jordan schüttelte den Kopf. 

»Aber Mum«, flüsterte Jordan. Samuel zog die Beine im Schneidersitz zu sich heran. 

»Ich glaube, sie ist tot«, mutmaßte Samuel. Es bekümmerte ihn, dass sein Freund seine Mutter verloren hatte und er hätte ihn gern in den Arm genommen, aber da war so viel Blut und er fürchtete sich davor. Deswegen blieb er reglos sitzen und umarmte stattdessen seine Beine.

»Wer hat das getan?«, fragte er und legte den Kopf, auf seine Knie, dann wartete er geduldig auf die Antwort. 

»Mein Dad«, brachte Jordan einige Zeit später schluchzend hervor. Während all der Zeit saß er reglos da, den Kopf gesenkt, den Blick starr auf das verwüstete Gesicht seiner Mutter gerichtet. 

»Ganz schön schlimm«, bestätigte Samuel seufzend. »Wo ist dein Dad jetzt?«, fragte er, doch Jordan hob nur desinteressiert die Schultern. 

 

»Samuel?« Dexters tiefe, besorgte Stimme schallte vom Eingang zu ihm herüber. 

»Hier«, rief er und sah sich um. Dexter hatte seine Waffe gezogen und betrat vorsichtig das Wohnzimmer. Angesichts des üblen Gestanks verzog er sein Gesicht und bedeckte den Mund mit dem Arm. »Jordan ist hier«, informierte Samuel ihn und drehte sich wieder zu seinem Freund. »Jetzt ist Dexter da, er kümmert sich um alles. Du wirst sehen.« 

»Scheiße«, fluchte Dexter, als er Jordan erspähte. »War das dein Dad?«, fragte er ihn. Dieses Mal gab Jordan nicht einmal ein Achselzucken zur Antwort. Also sah Samuel zu Dexter auf und nickte. »Bleibt hier, ich sehe mich um«, befahl Dexter ihnen und setzte seinen Gang durch den abgewohnten Wohnwagen fort. Als Dexter zurückkam und die Waffe wegsteckte, hob er Samuel vom Boden auf.

»Los komm, wir müssen hier verschwinden.« 

»Nein, nein!«, schrie Samuel und strampelte wie wild, bis Dexter ihn absetzte. »Ich kann Jordan nicht zurücklassen.« Dexter sah zu Jordan und der toten Frau.

»Wir müssen hier weg. Wenn die Bullen uns hier finden, lochen sie mich ein. Sie werden denken, dass ich es war.«

»Warum sollten sie das tun?«, fragte Samuel in kindlicher Unshculd.

»Machst du Witze? Ein Schwarzer mit einer Knarre im Haus eines Weißen! Die Cops werden sicher keine Fragen stellen. Los komm!« 

»Nein, ohne Jordan gehe ich hier nicht weg!« Samuel riss sich los und ging vor der Blutlache auf die Knie. 

»Jordan«, sagte er mit sanfter Stimme. Geduldig wartete er, bis Jordan ihn ansah. Dann hielt er ihm die Hand entgegen. »Komm, wir gehen nachhause.« Er versuchte sich an einem Lächeln, dass sich so falsch anfühlte, dass er es bleiben ließ. Jordan sah ihn lange Zeit an, während Dexter immer unruhiger die Fenster kontrollierte. »Du kannst bei uns leben«, versprach Samuel ihm. Dann krempelte er seinen Ärmel zurück und zeigte Jordan die haarfeine Narbe auf seinem Unterarm. »Wir sind doch Blutsbrüder«, erinnerte er ihn. 

Dexter ging hinter Samuel in die Hocke. »Komm Kleiner. Du kannst hier nichts mehr für deine Mum tun. Komm mit uns, hier willst du doch nicht sein.« Jordan sah von Samuel zu Dexter. 

Das war der Moment, in dem Samuel erkannte, dass er von nun an für Jordan sorgen würde. Von heute an wäre er ein großer Bruder und würde Jordan beschützen. Er war noch nie für jemanden oder etwas verantwortlich gewesen. Seine Eltern waren vermögend und ließen es ihm an nichts fehlen. Dennoch war er ein Leben lang allein gewesen. Keine Geschwister. Keine Spielkameraden. In der Schule hatten sie ihn gemobbt, bis Jordan irgendwann an seine Schule kam. Samuel wusste nicht, womit er einen Freund wie Jordan verdient hatte, aber er schwor sich, dass er sich von heute an nicht mehr hinter ihm verstecken würde. 

»Komm Jordan«, sagte er noch einmal mit fester, entschlossener Stimme. Samuel erhob sich und reichte seinem Freund erneut die Hand. »Los, wir gehen«, entschied Samuel. Seine Stimme und sein fester, aber liebevoller Blick, lies keine Alternative zu.  

Tatsächlich dauerte es nicht lange und Jordan schälte sich unter seiner Mutter hervor. Er legte ihren Kopf vorsichtig auf den Boden und stand auf. Seine ersten Schritte waren wackelig, doch als er Samuels Hand ergriff, nickte  und seine Schritte wurden fester. 

Schon beinahe bei der Tür riss Jordan sich los.

»Halt wartet.« Er rannte durch das Wohnzimmer.

»Was hast du vor?«, fragten Dexter und Samuel wie aus einem Mund. Da hatte Jordan das Telefon schon in der Hand und wählte 911. 

»Hallo«, sagte er mit lauter, fester Stimme. »Hier spricht Jordan Cooper. Mein Dad hat meine Mum erschossen.« Tapfer beantwortete er alle Fragen, dann aber beendete er den Anruf mit einem entschlossenen »Nein«.